Unterm Druck der sengenden Sonne reduziert sich unsere Weltwahrnehmung gerne auf die Perspektive einer Gummiente. Wenn wir das Wort Swimming Pool hören, denken wir an blaues Wasser und die Möglichkeit, entspannt zu plantschen. Schön kühl alles. Das wäre aber genau die falsche Art, sich François Ozons Film "Swimming Pool" zu nähern. In diesem sich langsam und behutsam, aber unerbittlich und perfide entwickelnden Thriller geht es um das symbolische Potenzial des Pools. Er ist das Gegenstück zum Meer, zur unkontrollierten Gewalt, der wir uns ausliefern. Er ist ein Bild der Kontrolle und Beherrschung.
François Ozon
Ozon erzählt hier von der in die Schreibkrise geratenen britischen Krimiautorin Sarah Morton (Charlotte Rampling), die sich einerseits zwar anregenden Tapetenwechsel wünscht, die aber andererseits angesichts der Tatsache, dass ihr in vorrückenden Jahren selbst das Vertraute entgleitet, auch die Geschmeidigkeit des eigenen Körpers und Geistes, eine überraschungsfreie, provokationslose Welt um sich her wünscht. Ozon führt uns also mitten hinein in einen kreischenden, schizophrenen Widerspruch, der sich als Wunsch nach Besinnlichkeit tarnt.
Charlotte Rampling
Morton, von Rampling mit wunderbarer bürgerlicher Sprödheit gespielt, hinter der etwas lauert, das festgefressene Bitterkeit oder unablässig an den Zügel genommene Lüsternheit sein könnte, reist ins idyllisch gelegene Ferienhaus ihres Verlegers nach Frankreich. Die Überlassung dieses Gebäudes ist vieldeutig. Es ist eines jener Häuser, in denen Morton ihre Krimis ansiedelt, nur dass es vermeintlich leer steht. Also von einem regen Geist mit fiktiven Verdächtigen und Opfern gefüllt werden kann. Es ist aber auch ein Teil des Privatlebens des Verlegers, vermutlich sein Liebesnest. Morton benimmt sich, als erwarte sie, dass der Hausbesitzer ihr nachreisen werde.
Ludivine Sagnier
Doch "Swimming Pool" handelt nicht von erfüllten, sondern von düpierten Erwartungen. Kaum hat sich die Autorin akkurat und penibel eingerichtet, taucht mitten in der Nacht Julie (Ludivine Sagnier) auf, eine Tochter des Verlegers, von der sie nichts wusste. Nun ist der Traum von der heimlichen Begegnung geplatzt, und der von Ruhe und Kontrolle auch. Julie bringt jede Nacht einen anderen Mann heim, das Stöhnen ihres Liebesspiels dringt durchs ganze Haus. Tags liegt sie dafür kaum verhüllt am Pool und sonnt einen Körper, der wie eine mitleidlose Demonstration wirkt, dass Mortons Anspruch auf bestimmte Formen des Lebensgenusses abgelaufen sei.
Die Kamera von Yorick Le Saux, der für Ozon unter anderem "Sitcom" und "Das Sommerkleid" fotografiert hat, stellt Haus, Garten und Menschen mit jener brutalen Klarheit dar, die uns grelles Sonnenlicht verschafft. Mit jener Ahnung also, das physisch Übermächtige müsse im nächsten Moment zerplatzen, weil es den äußersten Grad seiner Ausdehnung erreicht hat. Das passt wunderbar zur Stimmung wachsender Rivalität, zum ständigen Aneinanderreiben der sehr gegensätzlichen Frauen.
Ozons voriger Film, "8 Frauen", eine Parodie auf den Landhauskrimi, war eigentlich Boulevardtheater und eine einzige Zirkusshow für Frankreichs Kinodiven. Auch "Swimming Pool" hat Theaterqualitäten, nämlich als Kammerspiel. Einen thematisch verwandten Film aus dem Jahr 1969, "La Piscine" von Jacques Deray mit Alain Delon und Romy Schneider, will François Ozon nie gesehen haben. Doch nun dient die enge Bühne nicht der beruhigenden Abstraktion, der Verwandlung der Menschen in Varietékünstler der gefälschten Leidenschaft. Nun funktioniert die Beschränkung als Dampfkochtopf, inszeniert Ozon eine extreme Belastungsprobe nachvollziehbarer Charaktere.
Mit den üblichen Reibereien und Konflikten begnügt er sich nicht, er treibt seine Figuren immer weiter voran und hält Überraschungen bereit, die hier nicht verraten werden dürfen. Doch wer am Schluss diesen Film mit seinen Haken und Wendungen im Kopf noch einmal durchgeht, sollte auf eines achten: wie von Anfang an das Thema Kontrolle und Kontrollverlust behandelt wird.